Unterbrechungen

Schon wieder klingelte das Telefon. Ich hatte es gerade 3 Minuten lang geschafft, an meiner Entwickler-Aufgabe zu arbeiten. Ein langwieriges und ermüdendes Thema, das mir nicht viel Spaß machte.

Jede Unterbrechung war eine angenehme Ausrede, die Aufgabe vor mir her zu schieben. Aber so würde ich nie fertig werden. Und das Wochenende rückte auch schon näher, wo war die ganze Zeit geblieben?

Schluss damit!

Nachdem ich aufgelegt hatte, spazierte ich zur Teekanne und goss mir das mittlerweile nur noch lauwarme Gebräu ein und kramte in meiner Toolkiste (= Hirn).

Ein klarer Fall für die Pomodoro, dachte ich: 25 Minuten konzentriert und ohne Unterbrechung arbeiten – ein paar Minuten Pause, dann wieder 25 Minuten Arbeit. Diese Technik hat schon manches Mal geholfen.

Gesagt, getan… Wecker gestellt und los gings.

Zehn Minuten später stand meine Tochter in der Tür. Dann nach fünf Minuten kam eine Anfrage von einem Kollegen per Chat rein. So ging es also nicht. Ich entschloss mich zu drastischeren Maßnahmen.

25 Minuten ohne Unterbrechung wollen möglich gemacht werden. Ich checkte kurz alles: Mail, Chats, offene Anrufe, Termine, Notizen. Gab es etwas mit wirklich höherer Priorität? Gerade stand nichts an. Ich sagte zu meinen Kindern: Hier ist mein Wecker. Wenn der in 25 Minuten klingelt, dann habe ich kurz Zeit für alles was ihr von mir wollt.

Tür zu – im Firmenchat und im Kundenchat auf Abwesenheit mit einer Notiz – Notifications aus – Handy auf „nicht stören“

Ich setzte mir die Kopfhörer auf, um mit einem monotonen Hintergrundgeräusch die Außengeräusche gänzlich zu überdecken. (Ich nehme gerne Meeresrauschen, Flötenmusik von Indianern oder schamanische Trommeln). Jetzt war alles vorbereitet.

Mein Ziel war, in 25 Minuten durch 10 Work Items durch zu kommen. Als der Wecker klingelte war ich erstaunt. Ich hatte zwar nur 8 Items geschafft, war aber viel schneller als sonst in die Arbeit eingetaucht.

Tür auf – ein Glas Wasser – ein kurzer Blick, ob einer was von mir braucht – und schon ging es weiter mit dem zweiten 25-Minuten-Minisprint. Ziel diesmal: 15 Items.

Ich hatte schon gesehen, dass die nächsten Items nicht so komplizierte Fälle sein würden wie im ersten Sprint. Und tatsächlich, als der Wecker wieder klingelte, hatte ich sogar 23 Items geschafft.

Ich machte eine etwas längere Pause, schaute kurz bei meiner Tochter vorbei und wechselte ein paar Worte mit meinem Sohn. Und schon ging es weiter. Nach zwei Stunden hatte ich die Aufgabe fertig. Ich hatte mit einem Aufwand von 6 Stunden gerechnet.

Was sind die Kernpunkte:

  • Unterbrechungsfreies Arbeiten schafft Freiraum. Am Ende hat man in weniger Zeit mehr geschafft und kann dann ohne Probleme wieder eine Phase mit Gesprächen, Anfragen, Chats und Emails angehen.
  • Der 25-5 Rhytmus schafft ein konzentriertes Klima mit dem Bewusstsein, dass man zwischendurch Zeit hat, auf das Außen zu reagieren.
  • Die kurzen Pausen sind wirklich ein Genuss und auch Arbeitszeit. Denn darin entspannt das Gehirn kurz und produziert kreative Ideen. Außerdem denkt man daran, regelmäßig zu trinken.
  • Klare Regeln und Grenzen sind nötig, auch für einen selbst.
  • Leider kann man sich nicht immer den Luxus gönnen, alle Kommunikationskanäle abzuschalten. Andere warten auf meine Reaktion oder benötigen Input von mir um weiter zu machen. Aber Hand aufs Herz, was ist effizienter: sofort zu unterbrechen und für andere da zu sein oder den anderen noch den Rest meiner Pomodoro-Zeit geben – vielleicht können sie ihr Problem sogar selber lösen. Wenn ich dann in meiner Pause zu ihnen gehe, ist ihre Unterbrechung eher zielführend, weil sie ja in ihrem Kontext bleiben und meine Hilfe haben möchten.

Autor: Barbara Seyfarth

Informatikerin Embedded Systeme (Automotive, Industrial Solutions) Safety + Security Certified Professional for Software Architecture (Advanced Level) Autorin